21.Apr 2019

Ostern oder nur Spaziergang?

„Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
durch des Frühlings holden, belebenden Blick.
Im Tale grünet Hoffnungsglück.
Der alte Winter in seiner Schwäche
zog sich in rauhe Berge zurück.“

(J. W. v. Goethe, Osterspaziergang)

„Gehen wir spazieren?“ frage ich hoffnungsvoll und schaue sehnsüchtig aus dem Fenster hinaus in die erste Frühlingssonne. „Wohin denn?“ entgegnet er ohne große Begeisterung. „Naja, egal wohin. Hauptsache raus und eine Runde laufen.“ – „Aber wohin wollen wir denn gehen und mit welchem Ziel?“Tja, wohin eigentlich?

Gerade zu Ostern gehen wir gerne spazieren, atmen die frische Frühlingsluft ein, erfreuen uns an den schönen Osterglocken entlang des Weges und genießen die ersten warmen Tage des Jahres. Wie in Goethes Gedicht beschrieben fühlen wir uns befreit vom Eise und voller Hoffnungsglück. Endlich bricht sich der Frühling Bahn und der Winter mit seiner Kälte und Schwere scheint vergessen. Doch wohin führen uns unsere Osterspaziergänge? Meistens wieder genau dahin, wo sie begonnen haben: nach Hause. Ins selbe Zuhause wie wir es vor einer Stunde verlassen haben. Mit demselben Abwasch, der auf uns wartet, derselben chaotischen Rumpelkammer und denselben Wünschen und Zielen, die wir uns vorgenommen hatten. Es hat sich nichts geändert.

Der Theologe Eberhard Jüngel meinte einmal: „Spaziergänge ändern nichts. Sie enden in der Regel genau da, wo sie anfingen. Ostern hingegen ist ein Aufbruch ohne Ende.“ Und genau da unterscheidet sich Ostern von unseren Osterspaziergängen.

Ostern bedeutet Neuanfang. Und zwar einen echten Neustart nach dem Tod. Jesus ist nicht einfach kurz spazieren gegangen, bevor er all unsere Schuld auf sich genommen hat. Er ist vorher gestorben und war am absoluten Tiefpunkt. Erst dann war der Neubeginn möglich.

Und das ist auch bei uns so. Seid nicht erstaunt, wenn ich euch sage, ihr müsst von neuem geboren werden (vgl. Joh 3,7). Die Ganzkörpertaufe der Baptist*innen verdeutlicht diese Neugeburt sehr eindrücklich. Bevor etwas Neues entstehen kann, muss das Alte sterben. Und so ein Neuanfang ist mit Schmerzen, Verlusten und Verletzungen verbunden und kann nicht auf einem kleinen Spaziergang gefunden werden.

Lasst uns dieses Ostern und die Frühlingsenergie ganz bewusst für einen neuen Aufbruch nutzen. Für uns, unseren Glauben, unsere Beziehungen, unsere Gemeinden und unsere Arbeit. Für einen Aufbruch ohne Ende.
Amen.

In diesem Sinne wünschen wir euch ein gesegnetes Osterfest!